Löwenwege
Stagnation ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
Kinder brauchen ständig neue Impulse und Eindrücke. Jedes noch so tolle Spielzeug verliert den Reiz, sobald es durchgespielt ist, und ein Suppenlöffel kann das faszinierendste Ding der Welt sein, wenn es noch nicht erforscht wurde. Der Feind des Neuen ist die blöde Routine, die man vermeidet, so gut es geht.
Mit etwas Glück wird man dann irgendwann erwachsen, und darf erkennen, wie wunderschön vertraute Abläufe sind - es sei denn, man verfällt den medialen Darstellungen, die Regelmäßigkeit nur als grauen Trott darstellen.
Jeden Morgen koche ich meiner Frau und mir den gleichen Kaffee in der gleichen alten Mokkakanne und gieße ihn in die gleichen Tassen. Etwas Milch dazu, am Sonntag auch ein Löffel Zucker. Wie wunderbar, sich auf dieses kleine Ritual verlassen zu können, es jeden Tag zelebrieren zu können. Ein Moment für sich, ein paar wertvolle Minuten mit der Familie, eine Hoffnung, es morgen wieder erleben zu dürfen. Sicher, man kann diesen Moment jeden Tag etwas anders auszuschmücken - mal mit einem Keks, der am Wochenende übrig geblieben ist, mal mit etwas Schlagobers vom Kuchen, den man gestern Freunden serviert hat. Aber das Konzept ist in Stein gemeißelt, auf den man bauen kann.
Ein gutes Leben kennt tausend Rituale, manche finden täglich statt, manche nur ein oder zwei Mal, jedes hat seinen Wert, seine Leistung, seine Bedeutung. Ohne Rituale treibt der Mensch verloren durch die Zeit wie ein loses Blatt. Nichts, das ihn in Zeiten der Krisen stützt, keine Eckpunkte, an denen er sich orientieren kann, während er sein Leben plant und umsetzt. Uferlos, formlos, sinnlos. All die verlorenen Blätter betonen dabei ständig, wie frei und glücklich sie nicht sind, wie ungebunden und wild, aber es ist nur Gerede, das aus ihren Mündern kommt, weil es sich nicht in ihren Augen wiederspiegelt. Die sind oft leer bis auf Anzeichen einer grundlegenden Nervosität. Aber wer nichts hat, kann auch nichts zugeben, scheint es, und so muss der eigene Abgrund verteidigt werden wie sonst nur heiliger Boden. Jede Frau mit fünf Katzen, die einen Tick zu schrill lacht, während sie betont, für Kinder gar keine Zeit zu haben. Jeder Mann, der auch mit 40 noch das ganze Wochenende feiern und saufen geht und den jungen Leuten bei Parties mit den ewig gleichen Heldensagen aus seiner Jugend auf den Geist geht. Sie sind verloren worden.
Der Frevler flieht, auch wenn ihn keiner verfolgt, der Gerechte fühlt sich sicher wie ein Löwe. - Sprichwörter 28:1
Mir fällt es schwer und dabei ganz einfach, das festzustellen, denn ich war lange Jahre Mitglied im Club der verlorenen Schreihälse. Und ich kann berichten: Es gibt ein Entkommen. Man darf jederzeit damit aufzuhören. Es erfordert nur großen Mut. Mut, sich zu fragen, ob man wirklich meint, was man öffentlich von sich gibt. Mut, zu prüfen, welche Dinge man verdammt, weil man sie begehrt, und welche man lobt, weil man sich nicht traut, sie los zu lassen. Mut, aus dem Kasten, den man für sich gebaut hat, auszusteigen und zu schauen, wer man eigentlich ist.
Leicht ist anders. Und selbst, wenn man sich aufmacht, bricht nicht sofort das pralle Leben aus. Schmerzhafte Entscheidungen, verlorene Freundschaften und schmerzhafte Erkenntnisse warten auf den, der sich aufmacht. Und dennoch. Nichts macht mehr Sinn, als dieser Weg. Nichts ist lohnender. Wer seine Chancen steigern will, baut sich Rituale in den Tag ein. Jede Tasse Mokka, die ich trinke, trinke ich. Ein fixer Aussichtspunkt, der Blicke auf ein wandelndes Selbst erlaubt. Wer ist der Ich, der heute trinkt? Wie ist er im Vergleich zu dem alten Ich, der letztes Jahr Kaffee getrunken hat? Ein banales Beispiel, geschenkt, aber Banalität ist nicht zwingend schlecht. Manchmal macht sie einfach Platz für die wichtigen Dinge.
Meine frühe Selbstdarstellung war an die Vorstellungen und Geschmäcker von Leuten angepasst, denen ich gefallen wollte. Das klappte fast richtig gut, aber nur fast. Eine lange dunkle Nacht der Seele später bin ich jetzt das große Ich bin Ich. Das gefällt weitaus weniger Menschen als vorher, aber dafür den richtigen, und das richtig.
In einer mediokren Welt verliert man schnell die Sicht auf die Möglichkeit eines guten Lebens. Dabei ist es immer nur eine Entscheidung weit weg. Denn, und das ist vielleicht die große Lehre dieser Welt: Bequem und gut sind zwei paar Schuhe.
Geh den richtigen Weg, lieber Leser.


